Paradise

Kap. 13

 

Lieber Herr Mann,

ich schreibe an Sie, weil ich nicht wüsste, an wen sonst. In der Agentur läuft alles gut, das glaube ich zumindest. Die erste Kundin hat ohne Abzüge bezahlt, in bar, so wie Sie es diesbezüglich verlangt hatten. Alles geht also seinen Gang …Wissen Sie, Herr Mann, ich war schon immer der Ansicht, dass ein Mensch, der sich selbst etwas antut, außergewöhnlich und großartig ist. Selbstverletzung stärkt das Eigenvertrauen und zeugt von der Selbstsicherheit des Betreffenden. Aber heute kam ich ins Grübeln. Ich musste über den Suizid der achtzehnjährigen S.A. hier in der Agentur nachdenken. Sie hat ihre Haarnadel einfach so ohne jedes Wimpernzucken tief in die Steckdose geschoben. Sie hatte keine Angst und hat nicht dabei gezittert – ich aber schon! Ja, ich hatte Angst. Ich musste zittern, weil ich nervös und panisch war. Vorhin habe ich zum ungefähr neunundneunzigsten Mal heute meine Geschichte „Raum für Tod“ gelesen, in der Hoffnung, darin zu finden, was Sie daran so fasziniert hat, aber ich fand nichts. Was fanden Sie an der Geschichte so besonders? Glauben Sie, ich bin eine starke Frau? Oder eine teuflische? Glauben Sie, dass ich keine Angst vor dem Tod habe? Oder dass es mir Spaß macht, zuzusehen, wie eine menschliche Seele entweicht und der ihr zugehörige kalte Körper neben mir zurückbleibt? Haben Sie das aus meiner Geschichte herausgelesen? Ich selbst habe in „Raum für Tod“ nur ebendies gesehen: Einen Raum für Tod. Aber für einen Tod, den ich selbst geschaffen habe, auf einem zuvor leeren Stück Papier. Ich ließ Menschen sterben, indem ich blaue Tinte benutzte, und hüllte sie dann statt in Leichentuch in weißes Papier.

Wissen Sie was, Herr Mann? Ich habe immer von einem Tattoo geträumt. Nie habe ich mir etwas mehr gewünscht. Was Sie aber vielleicht nicht wissen – ich sage vielleicht, denn ich weiß nicht, was Sie alles wissen, Herr Mann, Sie wissen wirklich viel, oder Sie haben mich dazu gebracht, das aus freiem Willen zu glauben – wo war ich stehengeblieben? Genau, ich hatte gesagt, dass es da etwas gibt, das Sie vielleicht nicht wissen, nämlich dass ich zweimal die Gelegenheit hatte, mir das Tattoo machen zu lassen, das ich mir so sehr wünsche, aber ich habe es trotzdem nicht getan, und ich weiß eigentlich nicht, warum. Hatte ich Angst vor der Nadel? Oder unbewusste Angst vor dem Blut? Vor den Schmerzen? Oder davor, dass das Tattoo bleibt, während ich vergänglich bin? Ich bin geradezu ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Oder glauben Sie, mein Wunsch nach einem Tattoo war vielleicht gar nicht echt? 

Das könnte sein. Womöglich war mein Wunsch nicht echt und stark genug. Aber wann ist ein Wunsch ein Wunsch? Und wie echt kann er sein? Was ist ein echter, ehrlicher und starker Wunsch? Und warum war meiner nicht so beschaffen? Wie kann ich wissen, ob es überhaupt ein Wunsch war? Woher weiß man das? Und was ist überhaupt Wissen, Herr Mann? Wie weiß ich, dass ich etwas weiß? Wer hat das Wissen erschaffen? Ist es ein Geschöpf wie ich? Bin ich ein Geschöpf? Ich habe Angst, Herr Mann. Ich weiß nicht, was ich getan habe, was ich tun werde und was ich tun muss. Muss ich überhaupt etwas tun? Aber sagen Sie mir bitte zuerst, warum Sie diese „Paradise“-Agentur gegründet haben. Hat das mit dem Sinn und dem Zweck zu tun, die Sie während meines Vorstellungsgesprächs als das Wichtigste im Leben bezeichneten? Etwas aber stimmt damit nicht, Herr MannWenn unsere werten Kunden sich umbringen möchten, wie zum Beispiel Frau S.A., und sie hat es ja tatsächlich getan … Kann man das als „tatsächlichen“ Selbstmord bezeichnen? Bringen diese Leute sich tatsächlichselbst um? Eine „Tat“ ist es schon, oder? Oder was meinen Sie? Ist es überhaupt etwas? Oder „war“ es nur etwas?

Wie auch immer, Herr Mann … Glauben Sie nicht, dass IhreSelbstmörder ihrem ärmlichen Leben aufgrund ebenjener Frage nach „Sinn und Zweck“ ein Ende setzen, um dann in einem eingebildeten Paradies „Glück und Genuss“ zu finden? Oder sind Sinn und Zweck etwas anderes? Das könnte sein. Ich meine nur, glauben Sie das nicht auch? Und warum, Herr Mann, haben Sie „Paradise“ überhaupt gegründet? Verraten Sie es mir. Und warum möchten Sie sich nicht selbst umbringen? Warum waren Sie nicht selbst Ihr erster Kunde? Aber vielleicht waren Sie es ja. Waren Sie es? Vielleicht sind Sie ja dem Sinn auf die Spur gekommen. Sind Sie das? Ich bin sehr erschöpft. Vielleicht werden Sie dieses Schreiben ja auch gar nicht beantworten, aber ich hatte einfach das Bedürfnis … Sagt man Bedürfnis oder Erfordernis? Was bedeutet das eine und was das andere? Was von beiden wiegt schwerer? Wozu braucht man ein Bedürfnis und warum bedarf man einer Erfordernis? Weder Sinn noch Zweck erschließen sich mir, Herr Mann, bitte helfen Sie mir! Ich strebe nicht nach Glücksgefühlen und Genuss, ich will Sinn und Zweck, und ich will es hier auf Erden! Hier will ich mir mein ganz eigenes Paradies erschaffen. Hat mich deshalb mein Geliebter verlassen? Weil er keinen Sinn darin fand, bei mir zu bleiben? Aber es war ja ich, die ihn verlassen hat! Habe also ich keinen Sinn darin gesehen, mit ihm zusammen zu bleiben?  

Aber ich glaube, das ist jetzt unwichtig. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass alles so sein wird, wie es sein soll. Die Arbeit in der Agentur läuft so, wie es angemessen ist, oder sollte ich sagen: so wie Sie es wollten? Aber wollten Sie das wirklich? Ich finde, dass bis jetzt alles gut geht. Mein Kollege Riad ist ein wenig verspannt, so kommt es mir jedenfalls vor. Wer hat diesen Ausdruck eigentlich als erster verwendet: „Es kommt mir so vor“? Ich wette, dass auch diese Person einmal bei Paradise als Kunde auftauchen wird, wenn sie nicht schon hier war. Ich habe seit einiger Zeit den Eindruck, dass ich meine Sprachbegabung verliere. Meine sprachliche Munition kommt mir abhanden, ja meine Sprache insgesamt. Aber keine Sorge, als Brücke zu unseren Paradise-Kunden wird sie schon noch ausreichen. Habe ich wirklich gerade in der ersten Person Plural geschrieben? Sind das „unsere“ Kunden? Nenne ich sie jetzt schon „unsere Kunden“? 

Wie auch immer, ich bitte Sie um Antworten auf Fragen, die Sie, so denke ich, gut kennen. Es tut mir leid, dass ich etwas weitschweifig schreibe. Aber wozu entschuldige ich mich? Womöglich lesen Sie diesen Brief ja gar nicht, oder Sie beantworten ihn nicht. Egal, ein wenig Entschuldigung kann auch nicht schaden, Herr Mann. Ich weiß gar nicht mehr, was ich weiter oben geschrieben habe, glauben Sie mir, ich habe es vergessen. Ich bin es nicht noch einmal durchgegangen, und ich werde es auch nicht tun. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach und schreiben mir trotzdem und antworten auf meine Fragen. 

Mir tut der Kopf weh, ich habe das Gefühl, dass ich gleich Nasenbluten bekomme. Ach ja, ich wollte Ihnen noch sagen, dass der junge Mann, der die Leichen der Kunden begräbt oder entsorgt, Urlaub möchte. Es kann auch sein, dass er von einer Sonderzahlung gesprochen hat oder von einer Gehaltserhöhung, ich kann mich nicht genau erinnern. Ich versprach ihm, ich würde Ihnen schreiben, oder nein, ich sagte ihm, ich würde Sie anrufen, denn ich wollte mich ein wenig wichtig vor ihm machen. 

Ihre Angestellte

Salam

*Aus dem Arabischen von Günther Orth*

Paradise

Kap. 10 

Seit Tagen hatte May das Ehebett nicht verlassen. Ihr Gesicht war blass und ihre Seele welk. Sie stand nur auf, um ins Badezimmer zu gehen, von wo sie zurück ins Bett kroch. Sie duschte nicht. Im Badezimmer verrichtete sie lediglich ihr Bedürfnis und trank Wasser aus dem Hahn. Dann legte sie sich wieder auf das Bett wie ein Kadaver, den selbst die Geier verschmähten. Suleiman achtete nicht darauf, dass seine Frauihre Tage im Bett verbrachte. Er kam spät nach Hause und legte sich auf die Couch, die gegenüber dem Fernseher stand. Irgendwann schnarchte er dann, und die Fernbedienung fiel ihm aus der Hand. May hasste Suleiman, sie hasste sich selbst und ihren Körper, sie hasste ihren Verstand, dem sie ihr Elend zu verdanken hatte und sie hasste diese Wohnung, die einmal ihre Traumwohnung gewesen war. Sie hasste das Bett, auf dem ihr Leib lag, und sie wollte nichts. Sie wollte nichts sein, sie war nie etwas gewesen und sie hatte nichts vor. Sie hatte all ihre Kraft verloren und damit ihren Willen. 

Sie bemerkte die Anzeichen ihrer einsetzenden Periode, aber sie achtete nicht darauf. Als etwas Warmes an ihren Oberschenkelnentlangfloss, schob sie die rechte Hand in ihren Slip, tastete sich zu der Stelle vor, aus der die Blutung kam und steckte den Mittelfinger hinein. Dann führte sie die Hand langsam in Höhe ihrer Brust und hob die Fingerspitzen, um sich anzusehen, was da floss. Ihr Mittelfinger war rot. Sie wischte das Blut an dem Kissen ab, auf dem ihr Kopf lag, legte ihre Nase an den Blutfleck und atmete langsam ein. Sie dachte nicht daran, aufzustehen, um sich eine Binde einzulegen, und blieb einfach liegen. Sie wünschte sich, das Blut würde sie ganz bedecken und sie könnte darin ertrinken. Das ganze Leintuch sollte ein Blutklumpen werden. May wusste nicht, was sie hier sollte und warum sie am Leben war. Sie sah kaum einen Sinn darin, auf dieser Erde zu existieren und dachte an den Tod. Das Blut sollte ihr aus dem Kopf spritzen, ihr Kopf sollte aufbrechen, oder sie würde sich eine Kugel hineinjagen, damit ihr Hirn endlich aufhören würde zu arbeiten. 

Sie hörte Suleimans Stimme aus der Küche. Er sang ein Lied, das sie nicht zuordnen konnte, dann pfiff er nur noch die Melodie. Jetzt hörte sie Öl in der Pfanne brutzeln, und derGeruch von gebratenen Eiern drang ihr in die Nase. May wurde schlecht, und sie drückte ihre Nase fest auf den Blutfleck, der ihr Kopfkissen zierteDurch ihre Hose sickerte unterdessen Blut, und es sah aus wie eine große, auf dem Stoff wachsende rote Blume, eine Blume, wie es sie nur im Paradies gab

May wollte weinen, aber sie konnte nicht. Das Blut schien ihren ganzen Unterkörper zu überschwemmen. Sie musste an eine Patientin denken, die ihr Vater einmal in das Krankenhausgebracht hatte, in dem sie gearbeitet hatte, bis sie die Stelle ihrem Mann zuliebe zu ihrem ersten Hochzeitstag gekündigt hatte. Die junge Frau war über und über mit Blut verschmiert und schrie ihren Vater immer nur mit einem Wort an: „Paradise“! May zog das Mobiltelefon hervor, das unter ihrem Kopfkissen lag. Sie hatte sich daran erinnert, dass man bei Facebook beliebige Suchbegriffe eingeben konnte. Sie tippte das Wort „Paradise“ ins Suchfeld, und es erschien eine Auswahl an Treffern. Sie rieb sich die Augen mit der rechten Hand, so dass Blutreste von ihrem Finger ihre Lider verschmiertenSie las:

 Paradise Bazar – Gehobene Kleidermode und Kosmetika
 Schneiderei Paradise
 Paradise Reise und Touristik
 Paradise-Agentur – Märtyrer-Amran-Amran-Straße 4

Ihr Blick blieb bei Märtyrer-Amran-Amran-Straße hängen. Ihre noch immer vom Menstruationsblut verfärbte Fingerspitze tippte auf den Link zur Seite der „Paradise-Agentur“, und May las:

"Hast auch du keinen Sinn und Zweck im Leben gefunden? Willst du ins Paradies eingehen? Dann zögere nicht, wir helfen dir dabei! Besuche uns in der Märtyrer-Amran-Amran-Straße 4."

May machte einen Screenshot vom Bildschirm ihres Handys, damit sie die Adresse wiederfinden konnte, denn auf ihr Gedächtnis wollte sie sich so wenig verlassen wie auf ihren Verstand. Sie legte das Telefon zurück unter das Kissen, senkte den Kopf darauf und schnüffelte wieder an dem Blutfleck, um den Geruch zu überdecken, der noch immer aus der Küche kam, wo Suleiman offenbar so viele Eier briet, als wollte er damit alle Hungrigen der Welt bewirten. Mays Müdigkeit wuchs, und zugleich wuchs die rote Rose an ihrem UnterleibDie Blüte breitete sich aus, als suche sie nach Chlorophyll und wähne sich im Paradies, in dem allein sie in alle Richtungen wachsen könne. 

*Aus dem Arabischen von Günther Orth*